Volksbaukonferenz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die 1. Leipziger Volksbaukonferenz fand am 6. und 7. Januar 1990 in einer der Agra-Hallen im äußersten Süden der Stadt (an der Grenze zu Markkleeberg) statt. Daran nahmen 1000 Baufachleute und Bürger teil und setzten sich für eine neue Baupolitik ein. Es gelang ihnen, in Leipzig einen Abriss-Stopp für Altbauten durchzusetzen und den Bau weiterer Plattenbauten im Zentrum zu verhindern.

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Leipzig Januar 1990

Der Zerfall der baulichen Substanz der Stadt war in Leipzig einer von vielen Gründen für die Unzufriedenheit und eine der Triebkräfte für die friedliche Revolution. Das ganze Ausmaß wurde in dem TV-Dokumentarfilm Ist Leipzig noch zu retten?, der im November 1989 im DDR-Fernsehen gezeigt wurde, noch einmal offensichtlich. Vor diesem Hintergrund trafen die Initiatoren der Volksbaukonferenz, darunter Wolfgang Hocquél, einen Nerv der Zeit.

Die Volksbaukonferenz

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschäftsordnung der Konferenz war einfach: wer sich meldete, durfte sprechen, aber höchstens 5 Minuten. Zu den Rednern gehörten:

Fast alle Redner forderten eine radikale Abkehr von der verfehlten Baupolitik der letzten zweieinhalb Jahrzehnte.[2] Obwohl die Volksbaukonferenz eine nichtstaatliche Initiative war, wurden, wie an den Rednern ersichtlich, auch staatliche Vertreter eingeladen, deren Beiträge aber zumeist Empörung hervorriefen. Die Volksbaukonferenz erstellte eine Zustandsanalyse und erarbeitete ein Sofortprogramm für die Stadt, welche dem ostdeutschen Ministerrat vorgelegt werden sollten.[3] Das Spektrum der Forderungen reichte von einem sofortigen Abrissstopp und der Stilllegung der Tagebaue über Reformen der Baupreise, des Steuerrechts und der Einführung kostendeckender Mieten bis zur Instandsetzung von Kirchenbauten.[4]

Würdigung und Nachwirkungen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Abriss am Rabet um 1980

Laut Leipziger Volkszeitung war die Konferenz ein Aufschrei „der konstruktiven Veränderung und der radikalen Abkehr von einer verfehlten Baupolitik, die in Leipzig zu einer Entwicklung geführt habe, die geprägt sei vom Verfall seiner historischen Bausubstanz, durch häßliche Neubauten und eine veraltete Infrastruktur. Es gehe um die Rettung einer in 825-jähriger Geschichte gewachsenen Kulturlandschaft.“[5]

Die Volksbaukonferenz fand in der Zeit des Machtvakuums zwischen der Entmachtung der alten Organe und Gremien und der Einrichtung neuer statt. Parallel nahmen Runde Tische ihre Arbeit auf. Am Runden Tisch der Stadt Leipzig[6], der bis zu den ersten freien Kommunalwahlen im Mai 1990 die Politik der Stadt bestimmte, war die Initiative Volksbaukonferenz vertreten und konnte wichtige Entscheidungen der Baupolitik mit beeinflussen.[7] Nach der Wahl der neuen Stadtverordnetenversammlung am 6. Mai 1990 wurden Ausschüsse gebildet. Wolfgang Hocquél saß in der ersten Wahlperiode dem Bauausschuss vor.

Es folgten keine weiteren Volksbaukonferenzen, wie der Namenszusatz „erste“ nahegelegt hatte. Sicherlich war der Namenszusatz auch im Sinne einer ersten wirklichen Volksbaukonferenz gemeint, als Kontradiktion dazu, wie in der DDR der Begriff Volk verwendet wurde (siehe auch: Wir sind das Volk).

Der Publizist Wolfgang Kil würdigte 1995 die Konferenzergebnisse wie folgt: „Heutige Pragmatiker und Realisten werden die dort von Architekten formulierten Vorschläge für einen Umbau der Planungshierarchien, der industriellen Produktionsbasis und der Auftraggeberschaft als naiv belächeln. (...) Und doch möchte ich darauf beharren: Architektur in Sachsen nach der `Wende` begann mit einem letzten Griff nach der Utopie.“[8]

Mit der Volksbaukonferenz begann der Prozess der Revitalisierung der Stadt.[9]

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. Schrei nach Veränderung auf DAB-Online, 22. Dezember 2014.
  2. Wolfgang Hocquél, Fünf vor oder fünf nach zwölf? Vor zwanzig Jahren fand die erste Leipziger Volksbaukonferenz statt, in: Leipziger Blätter, Heft 56, Frühling 2010, S. 89–91
  3. Catherine Isabel Froehling: Krisenmanagement in einer ostdeutschen Kommune: Leipzig 1989/90. Freiburg (Breisgau) 1998, ISBN 3-928597-25-6, S. 71.
  4. Wolfgang Kunz: Leipziger Architektur. Zwischen Investoreninteresse und öffentlichem Anspruch. In: Engelbert Lütke Daldrup (Hrsg.): Leipzig Bauten 1989–1999. Birkhäuser-Verlag, Basel / Berlin / Boston 1999, ISBN 3-7643-5957-9, S. 25.
  5. Ein Aufschrei, aber kein Schrei der Verzweiflung. In: Leipziger Volkszeitung. 8. Januar 1990, zit. nach Catherine Isabel Froehling, Krisenmanagement …, S. 71.
  6. Foto: Der Runde Tisch der Stadt Leipzig tagt
  7. Wolfgang Hocquél, Fünf vor oder fünf nach zwölf?... S. 90f.
  8. Wolfgang Kil: Fünf aufregende Jahre - Versuch einer Bilanz. In: Architektenkammer Sachsen: Materialien zum Architektentag. 1995.
  9. Wolfgang Hocquél: Leipzig. Architektur von der Romanik bis zur Gegenwart. 2. stark erweiterte Auflage, Passage-Verlag, Leipzig 2004, ISBN 3-932900-54-5, S. 347.
  • Klaus Hartung: „Todkrankes Stadtindividuum“ / „1.Volksbaukonferenz“ diskutierte am Wochenende in Leipzig / „Plattenmafia“ muss sich der Kritik stellen. In: Die Tageszeitung. 12. Januar 1990 (taz.de)
  • Klaus Hartung: Bericht über die 1.Volksbaukonferenz. In: Die Tageszeitung. 18. Januar 1990 (taz.de)